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2 Ansagen von Bruno Rub für die Radio-Ausstrahlung zweier historischer Konzerte: Nat King Cole Trio, Kongresshaus Zürich, 19.10.1950 und Nat King Cole mit der Quincy Jones Big Band, Kongresshaus Zürich, 01.05.1960. Das Konzert vom 19.10.1950 wurde als LP veröffentlicht und ist in unserem Archiv vorhanden (S-LP-00847 / LP-30069). Von der Quincy Jones Big Band kann in unserem Shop eine CD mit einem Konzert in Lausanne im Jahr 1960 erwerben, jedoch dieses Mal ohne Nat King Cole (CD-01181).

Bruno Rub, * 16.09.1944, † 20.05.2015

Archivdaten von Bruno Rub >>>

Die grosse und die kleine Welt des Jazz

Rub, der seit den Sechziger-Jahren in der Region Baden und zuletzt in Ennetbaden gelebt hat, gehörte zu den profiliertesten Jazz-Kritikern und -Publizisten der Schweiz.

In die Wiege gelegt wurde ihm der Jazz nicht. Er entdeckte ihn als Lehrerseminarist. Dass er das Seminar in Wettingen überhaupt besuchen konnte, verdankte er der Fürsprache eines Lehrers. Der Besuch einer Mittelschule war in den Fünfzigerjahren für einen Jungen aus Kleindöttingen eher unüblich. Der junge Seminarist war scheu, aber aufgeweckt.

Er liebte das gedruckte Wort, vor allem aber liebte er das Radio. «Das Radio und der Jazz haben mir die Welt eröffnet», sagte er später immer wieder. Rub war Primar- und Bezirksschullehrer, Redaktor beim «Aargauer Volksblatt» und schliesslich Redaktor beim Schweizer Radio, wo er bald zur neu entstandenen Jazz-Redaktion gehörte. Sachkompetenz und sprachliche Eleganz – geschult nicht zuletzt an der deutschsprachigen Lyrik von Barock bis Brecht – machten die Qualität seiner Sendungen aus.

Bis zur Pensionierung betreute er die DRS-2-Vorabendsendung «Apéro». Rubs Kontakte waren weltläufig. Doch er behielt stets Verbindung mit der lokalen und regionalen Jazz-Szene: «Keine grosse Welt ohne die kleine.» Der Verein Jazz in Baden, zu dessen Gründern er gehörte und dessen Präsident er viele Jahre lang war, ergänzte ab 1980 auf schöne Weise das internationale Programm von Arild Widerøes «Jazz in der Aula». Der Verein veranstaltet regelmässig Klub-Konzerte, zumeist mit regional verwurzelten Musikern (Jazz Monday im «Isebähnli»). Nicht zuletzt «Jazz in der Aula» hat den Humus geschaffen, der in der Region Baden viele gute Jazzmusiker wachsen und gedeihen liess.

Dass er als Publizist Jazz-Geschichte und -Geschichten für die Nachwelt festhielt, die sonst vergessen gegangen wären, gehört zu Rubs grossen Verdiensten. 2007 hat er die Biografie des Aarauer Bassisten Erich Peter veröffentlicht («Der Teamplayer», Verlag hier & jetzt), eines Musikers, der mit den ganz Grossen des internationalen Jazz gespielt hatte, aber schon bei seinem Tod 1996 fast gänzlich vergessen war. Auch die allerletzte Arbeit ist einem kaum bekannten Aargauer gewidmet. In der aktuellen Ausgabe des Jazz-Magazins «Jazz’n’More» porträtiert er Gus Wildi, einen Lenzburger, der in den USA ein Jazz-Label betrieb.

(Urs Tremp, Badener Tagblatt, 30.05.2015)

Zuweilen spielt der Zufall unheimliche Streiche. Als am 28. September 1991 Miles Davis starb, erlitt gleichentags Bruno Rub einen Herzinfarkt. Er konnte der Tagesschau des Schweizer Fernsehens gerade noch die Bedeutung des stilbildenden Jazztrompeters erläutern, dann verbrachte er einige Tage und Nächte auf der Intensivstation. «Mir wurde», sagte er danach, «das Leben ein zweites Mal geschenkt.»

Als er Ende Februar 2015 von seiner Krebserkrankung erfuhr, dachte er an die Tage im Herbst 1991 zurück: «Ein drittes Mal das Leben geschenkt zu bekommen, darauf darf ich nicht hoffen.» Nüchtern und pragmatisch akzeptierte er, dass ihm die Stunde geschlagen hatte. Was er schon vor der Erkrankung immer gesagt hatte, wiederholte er noch auf dem Sterbebett: Er habe ein gutes Leben gehabt.

Bruno Rub wird am 16. September 1944 geboren. Der Vater ist Fabrikarbeiter und nebenamtlicher Konsumverwalter, die Mutter angelernte Herrenschneiderin. Schwester Silvia ist drei Jahre älter, Jeannette sechzehn Jahre jünger als ihr Bruder. Als Jeannette auf die Welt kommt, ist Bruno bereits ausgezogen und lebt im Internat des Lehrerseminars in Wettingen. Bruno ist aufgeweckt, interessiert und wissbegierig. Aber er ist auch scheu und unsicher. Dass ihn am Seminar Mitschüler aus besseren Kreisen seine einfache Herkunft spüren lassen, schmerzt ihn. Ein Leben lang misstraut er dem Dünkel der Mehrbesseren.

Bruno Rub ist ein begeisterter Radiohörer. Das Radio bringt die Welt in die enge Klause des Internats im Kloster Wettingen. Er hört Jazz und ist elektrisiert. Ein Konzert der Quincy Jones Bigband im Kursaal Baden (1961) wird zum prägenden Erlebnis. Ebenso nachhaltig sind die Besuche im Jazzlokal «Africana» in Zürich. Der Club erlebt just in der Zeit seine Blüte, als Bruno Rub während der Schulferien als Seminarist nachts auf der Sihlpost jobbt. Keine Nachtschicht ohne vorherige Einkehr im «Africana».

Nach dem Seminar unterrichtet Bruno Rub als Primarlehrer, studiert an der Universität Zürich, wird Bezirkslehrer. Er schreibt für Zeitungen und Zeitschriften über Jazz. Einen halbjährigen Studienaufenthalt in London nutzt er vor allem, um in die Jazzszene einzutauchen. Er lernt zahlreiche Musiker kennen, zum Teil entstehen lebenslange Freundschaften.

Bruno Rub ist kein Musiker. Er war, wie der Jazzmusiker und Jazzpublizist Christoph Merki an der Abdankung sagte, «dezidiert ein Mann des Wortes»: «Ihn interessierte der sinnliche Genuss beim Zuhören, ihn interessierte die intellektuelle Auseinandersetzung. Worüber er sich geärgert hat, waren Musiker, die sich nicht vorstellen konnten, dass ein Musikkritiker primär vom Wort her kommt. Der Kritiker schreibt. Er singt nicht. Das Wort ist seine grosse Liebe.»

Dass der Jazzkenner eine Affinität zur Lyrik hat, ist spür- und hörbar. Tatsächlich kann Bruno Rub aus dem Gedächtnis Gedichte aus dem Barock, aus der Romantik oder der Moderne rezitieren. Klassische Balladen, aber auch Gedichte von George oder Rilke kennt er auswendig.

1993 beginnt- nach einer ersten gescheiterten Ehe mit Dominique Rub-Moustopoulos in den 1970er-Jahren - «die ausserordentlich glückliche Liaison» (Bruno Rub) mit Vroni Biedermann-Ehrensperger. Im Frühling 2001 ziehen die beiden in Ennetbaden zusammen. Ende 2004 lässt Bruno Rub sich pensionieren und ist nun ausschliesslich als Jazzhistoriker tätig. Buchbeiträge für Bruno Spoerris «Jazz in der Schweiz - Geschichte und Geschichten» sowie für verschiedene Badener und andere Neujahrsblätter zeugen von dieser Tätigkeit.

Ein letzter Ausflug im Frühling 2015 führt Bruno Rub - von der Krankheit schon gezeichnet - noch einmal durch den Aargau. Er liebt die Landschaften dieses Kantons. Christoph Merki sagte es an der Abdankung so: «Bruno war eben nicht nur der Wanderer, der sich in London umtat. Er hatte etwas Gottfried-Keller-haftes, war einer, der sich selber beschränkt, eine kleine Welt liebt und pflegt. Man spürte etwas von einer Verbundenheit mit dem Aargau, die auf tausend Fäden beruht, auf tausend kleinen Erfahrungen. Eine Verwurzelung, wenngleich er aller Heimattümelei fernstand. Nur schwer fällt die Vorstellung, dass Bruno anderswo als in der Region Baden hätte wohnen können.»

(Urs Tremp, Badener Neujahrsblätter, Band 91, 2016)

Bruno Rub - Lehrer, Radiomitarbeiter und Kulturvermittler

Wer den vielfältig kompetenten Bruno Rub, Sohn einer alteingesessenen Familie aus Kleindöttingen/Böttstein AG, über Jahrzehnte gekannt hat, seine Stimme nicht nur über das Radio wahrnahm, hielt den feingliedrigen Mann mit dem fast knabenhaften Gesichtsausdruck für alterungsresistent. Geboren am 16. September 1944 im unteren Aaretal, verbrachte der am 20. Mai 2015 verstorbene einstige Studienkollege den längsten Teil seines Lebens in der Region Baden. 

Vater Adolf Rub und Mutter Anna, geb. Knecht, repräsentierten das kleine Bürgertum im unteren Aaretal. Ihre drei Kinder Silvia, Bruno und Jeannette schafften die Bezirksschule Leuggern. Eine Matura kam damals für die Mädchen schon gar nicht und für einen Jungen nur ausnahmsweise in Frage. Es bedurfte eines Stupfs vom Klassenlehrer, dass für Bruno das Lehrerseminar Wettingen in Betracht kam. Das „Semi“ war in seiner Blütezeit für musikalische Kultur bekannt, nebst Pädagogik und Gartenbau auch für guten Literaturunterricht. Jazz hingegen galt damals als umstritten und revolutionär. Der Thurgauer Lesebuchautor Alfred Huggenberger warnte noch in der Jugendzeit von Brunos Eltern vor „Negermusik“.

Das Reich der Schönheit und der Ekstase

Rubs Stimme war häufig an Sonntagabenden zu hören, dazu in der Vorabend-Sendung „Apéro“. Sein Markenzeichen waren weniger musikalische Fachausdrücke als das Einordnen der Kulturform Jazz in eine grosse Erzählung. Mit Vorliebe konnte er sich in Anekdoten entfalten, in welchen der soziale Hintergrund dieser Künstler, der Aufstieg von ganz unten ins Reich der Schönheit und der Ekstase, zum Ausdruck kam. Ein Beispiel dafür ist eine Charakteristik des 1941 geborenen Bill Moody, bei dem Rub das Nebeneinander von Jazz und Lyrik zu loben wusste. Autor und Musiker Moody hatte wie Rub ein Literaturstudium absolviert. Originalton Bruno Rub:

„In seinen Jazzkrimis gelingt es ihm, Fakten und Fiktion gekonnt miteinander zu verbinden. Weil er als Musiker lange Jahre in Europa und in den Staaten unterwegs gewesen ist, kennt er die jeweiligen Szenen aus dem Effeff. Er hat in den Bands von Maynard Ferguson, Junior Mance oder Earl Hines getrommelt, hat Sängerinnen und Sänger wie Jimmy Rushing, Lou Rawls, Jon Hendricks und Annie Ross begleitet. So erfuhr er einiges über die psychische Befindlichkeit dieser Jazzgrössen. Als Journalist und Radiomann weiss er schliesslich, wie es im Umfeld des Jazz zu und her geht.“

Vom Bezirkslehrer zum DRS-Redaktor

Bruno Rub erwies sich nie als der Typ, der auf eine Lebensstelle aus war. Unbändige Neugier, auch der Sinn für das Ästhetische und Aussergewöhnliche, veranlassten ihn noch und noch zu beruflichen Experimenten. Zunächst lag ein Literaturstudium im Vordergrund. Dabei strebte er nicht ein Lizentiat oder Doktorat an, sondern das damals noch hoch angesehene aargauische Bezirkslehrer-Diplom. Ich erinnere mich, als Studienkollege von Bruno Rub die Option „Bezirkslehrer“ für mich ebenfalls als zunächst beste Berufswahl ins Auge gefasst zu haben. Bruno Rub plädierte mit guten Gründen dafür, dass der aargauische Bezirkslehrer wohl in Sachen Progymnasium schweizerische Spitze repräsentiere, dass man diese Lehrtätigkeit nie unterschätzen dürfe. Auch deswegen befriedigte es ihn langfristig nicht, seine grösste Leidenschaft, die Publizistik, neben dem Lehrerberuf als Hobby zu praktizieren. Der weitere Weg führte über die im Vergleich zum gut bezahlten Bezirkslehrer schlechter honorierte, aber unerhört spannende Redaktionstätigkeit beim „Aargauer Volksblatt“ und schliesslich in die Musik-Redaktion von Radio DRS. Ob Lehrer, Redaktor oder Radio-Mann – stets war die fundierte erzählerische Vermittlung die Stärke von Bruno Rub.

Bruno Rub, im unteren Aaretal aufgewachsen, hat über die wichtigste Zeit seines Berufslebens seinen Lebensmittelpunkt in der Region Baden gefunden. In den Glanzzeiten des Restaurants „Isebähnli“ als Treffpunkt der Jazz-Szene repräsentierte er auf seine Weise ein einmaliges Nebeneinander von Heimat und Weltläufigkeit durch das Medium faszinierender Musik, die für ihn nicht „bloss“ Kunst, sondern Lebensinhalt wurde.

(Pirmin Meier, Textatelier, Blog vom 13.06.2015)

Buno Rubs musikalische Vorlieben standen keineswegs quer zu den Publikumsbedürfnissen. Natürlich war Bruno Rub früh regelmässiger Besucher des Jazzfestival Willisau, setzte sich mit dem Free Jazz auseinander. Und doch waren ihm die ganz freien Spielarten des Jazz eher fremd. Den Jazz, den Bruno Rub liebte, swingte. Er swingte hart, swingte ganz sanft. Der Hardbop-Jazz der 1950er-Jahre war eine seiner grossen Lieben.  Und ganz hingerissen war er von der Kunst der grossen Jazzsängerinnen wie Betty Carter oder Sarah Vaughan.

(Christoph Merki, Jazz’n’more, Juli/August 2015)

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Bibliografie:

„Der Teamplayer – Erich Peter (1935 – 1996), Jazzpianist aus Aarau“, Bruno Rub, hier + jetzt Verlag, 2007

Artikel von Bruno Rub:

Beiträge im Programmheft von „Jazz in Willisau“, 1975 / 1976 / 1977 / 1981 / 1983

„Lester Young. Das Flüstern des Tenors“, Du, Juli 1998

„Kammermusik mit Swing“, Radio Magazin, 10. – 16. Januar 2004 (Nr. 2- 2004)

Artikel über Bruno Rub:

„Ich hatte schon immer ein gutes Timing“, Frank von Niederhäusern, Radio Magazin, 10. – 23. Juli 2004 (Nr. 28 – 2004)

Nachruf, Jazz’n’more, Juli/August 2015

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Zusammengestellt von Thomas Schärer